OBJEKTE

„Künstler sind Sachensammler und Sachenfinder, die Poesie und Dramatik im Schäbigen, scheinbar Nutzlosen und Verworfenen sehen, Dingen eine neue Identität geben, oder alte Geschichten sichtbar machen.“ (Kvak-Brief 2010)

 

Kisten, Kästen, Koffer - Körper

Fitnesstudio – Schubladen, Spiegel, Glas, Fotografien

Aktkoffer – Lederkoffer, Acrylfarbe, Fotografie

Tanzen – Pappkoffer, Tanzschuhe, Ingrespapier

Kisten, Kästen, Koffer - Musik

musicbox 1 – Gitarrenkoffer, Acrylfarbe, Metallgitter, CD-Spieler/Musik

musicbox 2 – Querflötenkofferkoffer, Acrylfarbe, Metallgitter, CD-Spieler/Musik

musicbox 3 – Zitherkoffer, Acrylfarbe, Metallgitter, CD-Spieler/Musik

Kindheitserinnerungen

Weck keine schlafenden Hunde!

„Erinnerung heißt, dass auch im Winter Rosen blühen können, las ich vor kurzem in einer Todesanzeige. Obst einkochen heißt, dass man auch im Winter Kirschen essen kann. Eingekochte Gegenstände stehen bei Martina Doll nicht im dunklen Keller, im Keller des Unbewussten, möchte man fast sagen, sondern auf einem Regal an der Wand, so als seien sie Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Sie sind – bis auf die Uhren – durch ein hermetisch abgeschlossenes Vakuum haltbar gemacht. Wir wissen nicht, ob sie sie jemals wieder benutzen will, wir wissen nur aus Erfahrung, dass irgendwann die Gummiringe morsch werden und bei dem Versuch, das Glas zu öffnen, reißen. Dann lässt sich das Glas nur noch mit roher Gewalt öffnen.

Wir atmen auf: die Zeit befindet sich nicht in einem Vakuum, sie lässt sich als Abschnitte von Lebenszeit erinnern, die aber noch weiter in die Zukunft hinein reichen werden. Als ich ein kleines Mädchen war, beginnen alle ihre Geschichten in den kleinen Büchlein, von denen uns (und vielleicht auch Martina Doll) jeweils nur die erste Seite zugänglich ist, als ich ein kleines Mädchen war, habe ich ganz leise Krankenschwester gespielt, denn meine Mutter war sehr krank. Da ist eine Puppe in ein Glas gestopft. Als ich ein kleines Mädchen war, war die Zeit ein Riese, Sand dringt in das Getriebe der Zeit ein, als ich ein kleines Mädchen war, besuchte ich immer den Frisiersalon der Freundin meiner Mutter, da duftete es immer so gut, die Welt der Frauen passt nun in ein kleines Wandschränkchen.

Wenn unsere Mütter eingekocht haben, geschah das auch auf dem Hintergrund ihrer Erfahrung von großem Hunger, während des Krieges und auch noch in der Nachkriegszeit. Die Regale im Keller, voll von Obst und Gemüse, hatten etwas Beruhigendes. Bei Martina Doll geht es um eine andere Beruhigung. Die Inszenierung einer aufbewahrenden Ordnung ist für sie ein Gegengewicht für das Schmerzhafte in ihrer Kindheit. Die Begegnung damit hat sie nicht ausgespart. Es existiert schon so lange, dass sich bereits Staub darauf festgesetzt hat. Es hat ein großes Gewicht im Ensemble ihrer Erinnerungen. …

Als Erwachsene darf sie als Künstlerin wieder spielen. Denn Kunst und Spiel sind Blutsverwandte, sie sind, wenn sie gelingen, keinem zukünftigen Nutzen unterstellt. Martina Doll entzieht Alltagsgegenstände ihrem täglichen Gebrauch und macht Tiere daraus. Ein Esslöffel wird zum Frosch, eine Zuckerzange zum Zuckerfresser. Der Topf zum Einwecken wird zum Behälter, in dem frische Blumen stehen, nein, keine Angst, sie werden nicht eingekocht, er steht nun da, weil er seine Aufschrift eine andere Spielerei erlaubt – die mit Worten: „Weck keine schlafenden Hunde“

Das lehrt sie uns hier: Kunst ist – wie Spiel – vielleicht immer ein Gegengewicht zu einer seelischen Hungersnot. Und zugleich macht Kunst unseren Hunger erst deutlich – dann, wenn wir uns nicht satt sehen können.“

Aus der Eröffnungsrede von Rose-Marie Bohle